CHRONIK - wie alles begann ...
In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden die Schrebergärten nach einer Idee des Leipziger Arztes Gottlieb Moritz Schreber ins Leben gerufen, gedacht als Grünraum für das Industrieproletariat der wachsenden Großstädte und Basis bescheidener Selbstversorgung. Diese Idee bewährte sich besonders in Krisenund Kriegszeiten.
So war auch in den Jahren während und nach dem II. Weltkrieg erstes Gebot, die Familien durch Obst- und Gemüseanbau mit dem Notwendigsten zu versorgen.
Nachdem im Jahre 1941 die Bezirksgruppe Esslingen im Saal bau gegründet war, folgte nach und nach die Gründung von Ortsgruppen und noch im gleichen Jahr rief Gärtner Paul Hägele den Stadtverein Esslingen ins Leben. Als dieser Verein zu groß wurde, erfolgte die Aufteilung in die Ortsgruppen Pliensauvorstadt, Stadtmitte und Mettingen.
Die 1943 gegründete Ortsgruppe Pliensauvorstadt wurde ehrenamtlich von
Friedrich Braun als 1. Vorsitzenden, Eugen Hellstem als Kassierer und Erich Dietrich als Schriftführer
geleitet. Friedrich Braun war gleichzeitig 1. Vorsitzender der Bezirksgruppe.
Gemeinsam wurden die Vereinsangelegenheiten bewältigt, so waren unter dem Kassierer sogenannte Straßenwarte tätig (eingeteilt nach den Straßen in Esslingen, in denen die Mitglieder wohnten}, die monatlich die Beiträge kassierten, diese dem Kassierer übergaben, der dann mit dem Bezirk dessen Anteil monatlich abzurechnen hatte. Auch der Mitgliederstand mußte monatlich gemeldet werden.
Da es in diesen Zeiten keine Möglichkeit gab, Saatgut, Setzlinge, Gartengeräte u.ä. zu kaufen, wurde dies im Büro des Bezirks in der Kanalstraße bestellt. Hier war hauptamtlich der Sachverwalter Konrad angestellt; er nahm die Bestellungen und Ausgaben der Waren vor. Hochwertige Gartengeräte, z.B. Leiterwagen, waren damals Luxusartikel, erst durch lange Mitgliedschaft erwarb man sich ein Anrecht darauf.
Immer wieder mußte das als Gartenland gepachtete Gelände geräumt werden, die Pacht war abgelaufen und wurde nicht verlängert. So wanderte die Ortsgruppe Pliensauvorstadt vom „Alten Neckar" (beim Kraftwerk) auf den Zollberg (heute evangelische Kirche) zum „Schwarzen Weg" entlang des Neckars (heute B 10) zur Ziegelei Oberesslingen, bis endlich in den 50er Jahren in Weil die frühere Schafweide von der Hofkammer gepachtet werden konnte.
Zu Zeiten des Königs von Württemberg wurden auf diesem Areal in Weil Pferderennen veranstaltet. Die Straßennamen dort und das Schlößchen Weil erinnern noch heute daran. Auch stößt so mancher Gartenfreund beim tiefen Umgraben auf Rennbahnschlacke oder alte Fundamente von Kartenhäuschen.
Nach dem Krieg erfolgte 1947 eine „Säuberung" der Vorstandsmitglieder in Vereinen. Ehemalige Angehörige der Nationalsozialistischen Partei mußten ihr Amt abgeben, Kassenprüfungen fanden statt, auch die Ortsgruppe Pliensauvorstadt wurde durch die amerikanische Militärregierung überprüft. Diese bestätigte der Ortsgruppe Pliensauvorstadt einwandfreie Kassenführung und setzte für Vorstand und Kassierer deswegen eine persönliche Aufwandsentschädigung fest.
In Weil unterhielt die Maschinenfabrik Esslingen Holzbaracken als Unterkünfte fü'r Arbeiter. Die Unterkünfte mußten mit Wasser versorgt werden, dies geschah durch Anschluß an ein Wasserauffangbecken. Gartenfreund MaxObergfell, der in der Maschinenfabrik arbeitete, besorgte von dort ausrangierte Side-Rohre und so konnte ein Teil der Gärten in mühsamer Eigenarbeit an die Wasserversorgung der Baracken angeschlossen werden. Natürlich war man vom Regen abhängig, Wasser war trotz Leitung Glückssache. Nach Auflösung der Arbeiterunterkünfte behielt die Ortsgruppe Mettingen eine Baracke als Vereinsheim. Dort fanden Zusammenkünfte und auch Feste statt.
In den 50er Jahren waren die Gartenfreunde wie eine große Familie, bescheidene Geselligkeit wurde gepflegt: Kinderfeste, Maiwanderungen, Ausflüge, Faschings-, Frühlings-, Herbst-und Weihnachtsveranstaltungen, Kontakte zu anderen Gartenvereinen standen auf dem Programm, ebenso wie Fachvorträge, Lichtbilderabende und Baumschneidekurse. Bei allen Unternehmungen war die Frauengruppe stets rege beteiligt.
Im Dezember 1951 erfolgte der Bau des Holz-Vereinshauses in Weil, von den drei Vereinen Pliensauvorstadt, Mettingen und Stadtmitte gemeinsam in Gemeinschaftsarbeit erstellt. Die Kosten wurden prozentual auf die Vereine umgelegt. 1956 konnte dann das Grundstück Weil erworben werden und damit endlich an die Errichtung einer Dauerkleingartenanlage und an den Bau eines richtigen Vereinsheims gedacht werden.
Allmählich war ein Wandel in der Gartennutzung zu spüren, der reine Nutzgarten wurde zum Blumen- und Freizeitgarten. Jetzt dachten auch immer mehr Gartenfreunde an den Bau einer Geschirrhütte und beim Bezirk konnten für diesen Zweck Lakra-Darlehen beantragt werden (300,- DM zu 1% Zinsen). Auch der Abschluß einer FED-Versicherung wurde empfohlen, da immer mal wieder eingebrochen wurde.
Bei der Versammlung im Mai 1960 wurde beschlossen, den Eintrag ins Vereinsregister und die Anerkennung als gemeinnütziger Verein zu beantragen. Die Mustersatzung der Siedler und Kleingärtner Baden-Württemberg e. V. wurde übernommen. Am 31.5.1960 erfolgte die Eintragung ins Vereinsregister beim Amtsgericht Esslingen.
Im Sommer 1961 wurde beschlossen: Um Wildschäden zu vermeiden, wird in Gemeinschaftsarbeit eine Umzäunung der Gärten auf eine Länge von 1850 m angebracht.
Nachdem wieder, diesmal durch den geplanten Bau der Hochhäuser und Bungalows, Gärten abgegeben werden mußten, wurden auf dem zur Verfügung gestellten Ersatzgelände neue Gärten angelegt und 1962 konnte die Neuanlage (heute die Alte Neuanlage) eingeweiht werden.
Im Dezember 1964 verteilten sich die Gärten wie folgt:
Pliensauvorstadt 70
Mettingen 80
Stadt 240
Schon damals kam immer wieder der Vorschlag, die drei Vereine zu einem Gesamtverein zusammenzuschließen.
Das Schreberheim (Holzhaus) wurde zu dieser Zeit noch vom Bezirk bewirtschaftet, bis der Verein Pliensauvorstadt es erwarb. Ein größeres Vereinsheim war der Wunsch der Ortsgruppe und so wurde geplant, das bestehende Holzhaus mit einem Neubau aus Stein zu verbinden. Architekt und Organisator war Gartenfreund Herzberg, er besorgte vom Abriß des Saalbaus (heute steht dort das Kaufhaus Hertie) das gesamte Baumaterial. Bevor mit dem Bau begonnen werden konnte, mußte das Baumaterial gesäubert werden, um es verwenden zu können. Die noch heute in der Mitte der Gaststube stehende Säule stammt vom hinteren Eingang des Saalbaus. Sie steht auf einem Doppel-T-Träger, an welchen ein Eisenring zur Stabilisierung angeschweißt wurde, und trägt das ganze Haus. Die gesamten Bauarbeiten wurden in ehrenamtlicher Gemeinschaftsarbeit ausgeführt, ganze Familien halten tatkräftig. Der erste Pächter hieß Pergeron, ein Franzose.
Nach wie vor war die Wasserversorgung wichtig, 1966 war die Überland-Ringleitung komplett. Da in diesem Jahr wieder Gärten, diesmal für den Bau des Sportplatzes, abgegeben werden mußten, erhielten nun die Ortsgruppen die Zusage, daß der verbleibende Teil der Anlage Weil als Dauerkleingartenanlage im Bebauungsplan der Stadt aufgenommen wird.
Durch notwendige Renovierungen in der Gaststätte Schreberhaus geriet die Ortsgruppe Pliensauvorstadt Ende der 60er Jahre in große finanzielle Nöte. Mehrere Kreditaufnahmen waren notwendig, verbunden mit hohen Zinsbelastungen. Um von diesen enormen Belastungen wegzukommen, wurde sogar der Verkauf der Vereinsgaststätte erwogen. Erst eine einmalige Umlage aller Mitglieder von DM 100,-half, diese Belastung zu mindern.
Im Jahre 1969 begann man in Gemeinschaftsarbeit damit, die bis dahin bestehende Überland-Ringleitung abzubauen und die Wasserleitungen in den Boden zu legen. 1973 erfolgte dann der Anschluß an die Versorgung mit Stadtwasser und damit der Einbau von Wasseruhren.
Nachdem 1973 wieder Fusionsgespräche geführt wurden, kam es zu einer Einigung: Die Vereine werden nach § 11 der Satzung zwecks Fusion aufgelöst. Gründe: Bei drei Vereinen ist keine rasche und produktive Arbeit möglich. Ein Verein muß da sein, wo auch die Vereinsanlage ist.
